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Open Banking: Warum Account-to-Account die Kartennetzwerke herausfordern sollte

Account-to-Account-Zahlungen könnten Visa und Mastercard umgehen — günstiger, ohne Interchange. Warum das noch nicht passiert ist und was sich ändert.

Von Ulf Mayer 04. September 2026 5 Min. Lesezeit
Bankverbindung direkt zwischen zwei Konten — Open Banking Zahlungen ohne Kartennetzwerk

Visa und Mastercard nehmen bei jeder Kartenzahlung ihren Anteil. Das ist keine Naturgewalt — es ist ein Netzwerkmonopol, das durch regulierte Interchange-Deckelungen gezähmt, aber nie wirklich herausgefordert wurde. Die Technologie für eine echte Alternative existiert seit Jahren. Die regulatorische Grundlage auch. Warum nutzt sie fast niemand?

Kartennetzwerke als reguliertes Oligopol

Jede Kartenzahlung durchläuft dasselbe Gespann: ausgebende Bank, Kartennetzwerk (Visa oder Mastercard), Acquirer-Bank, Händler. Jede Station nimmt ihre Marge. Interchange ist gedeckelt — 0,2 % für Debit, 0,3 % für Credit in der EU. Die Scheme Fee, die Visa und Mastercard direkt einziehen, ist es nicht, und sie ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Für Händler bedeutet das: Jede Kartenzahlung kostet zwischen 0,3 und 2,5 % des Umsatzes, abhängig von Kartentyp und Preismodell. Bei einem Jahresumsatz von 500.000 € können das 5.000 bis 12.500 € sein — als reine Transaktionsgebühr, ohne Gegenwert außer der Zahlungsabwicklung.

Die Alternative wäre einfach: Händler und Käufer haben beide ein Bankkonto. Warum muss das Geld den Umweg über zwei Netzwerke nehmen?

Was Open Banking technisch ermöglicht

Account-to-Account (A2A) bedeutet: Das Geld geht direkt vom Konto des Käufers auf das Konto des Händlers — ohne Kreditkartennetzwerk dazwischen. Keine Interchange, keine Scheme Fee, keine Chargeback-Problematik, keine Kartendaten, die gestohlen werden können.

PSD2 (Payment Services Directive 2) hat 2018 die regulatorische Infrastruktur geschaffen: Banken müssen APIs öffnen, über die autorisierte Drittanbieter Zahlungen im Namen des Kontoinhabers auslösen können. Technisch ist das seit Jahren möglich. Seit Januar 2025 ist SEPA Instant für alle eurozonalen Banken verpflichtend — Überweisungen in unter 10 Sekunden, rund um die Uhr. Alles wäre bereit.

Und trotzdem zahlt der typische Kaffee-Käufer weiter mit seiner Visa-Karte.

PSD2 hat die Tür geöffnet — warum geht noch niemand hindurch?

Drei Gründe, warum A2A trotz allem nicht durchbricht:

Erstens: Verbraucher-UX. Eine Karte stecken oder tippen dauert drei Sekunden. Eine A2A-Zahlung erfordert: App öffnen, QR-Code scannen, Betrag bestätigen, PIN oder Biometrie, warten auf Bestätigung. Selbst wenn die Überweisung in 10 Sekunden landet — die Gesamthandlung dauert länger, fühlt sich unsicherer an und erfordert einen eingeloggten App-Zustand. Gewohnheit ist ein mächtiger Faktor.

Zweitens: Händler-Adoption. Es gibt keinen Standard-Protokoll-Slot am Terminal für A2A. Kein “SEPA-Instant”-Symbol wie das Kontaktlos-Zeichen. Kein Acquirer der das bündelt und als fertige Lösung anbietet. Händler müssen aktiv eine Integration bauen oder kaufen — das tut niemand für eine Zahlungsmethode, die kaum ein Verbraucher kennt.

Drittens: Netzwerkeffekte. Visa und Mastercard sind überall akzeptiert, weil sie überall akzeptiert sind. Das ist kein Witz — es ist das klassische Henne-Ei-Problem. Ein alternatives System muss gleichzeitig genug Händler und Verbraucher erreichen, damit es nützlich ist. Das ist der schwerste Teil.

Wo A2A bereits funktioniert — und warum

Drei Märkte zeigen, was möglich ist. Keiner hat es durch Marktmechanismen erreicht.

Brasilien (Pix): Die Zentralbank hat 2020 ein eigenes Instant-Payment-System eingeführt und alle Banken zur Teilnahme verpflichtet. Kostenlos für Verbraucher, günstig für Händler (ca. 0,22 % vs. 1–2 % Karte). Heute: 97 % der brasilianischen Erwachsenen nutzen Pix. Der entscheidende Unterschied zu Europa: kein Opt-in, kein Markt der entscheiden durfte.

Indien (UPI): Ähnliche Geschichte. Staatliches Mandat, massive Subventionierung, 0 % Gebühren für Kleinbeträge. Ergebnis: Über 500 Millionen aktive Nutzer, Marktanteile die westliche Kartennetzwerke in Indien marginal gemacht haben.

Vereinigtes Königreich: Reifste Open-Banking-Implementierung in Europa. GOV.UK akzeptiert Steuerzahlungen per A2A, mehrere Händler-Checkouts bieten es an. Trotzdem: Verbraucheradoption beim Einkauf bleibt gering. Kein staatlicher Zwang, kein Pix-Effekt.

Die Lektion ist eindeutig: Märkte allein schaffen keine Netzwerkeffekte schnell genug, um etablierte Zahlungssysteme zu verdrängen.

Der DACH-Stand: Wero als erster ernster Versuch

Wero ist die bisher überzeugendste europäische Antwort. Getragen von Sparkasse, Volksbank, Deutsche Bank, ING, Commerzbank — also den Instituten, die zusammen den Großteil der deutschen Bankkonten halten. Wero nutzt SEPA-Instant-Rails und hat eine echte Verbraucher-App.

Für Händler: Wero als Zahlungsmethode im Online-Checkout einbinden ist bereits möglich und der pragmatischste Weg, A2A anzubieten. Für stationäre Händler gibt es erste QR-Code-Piloten.

Aber: Wero ist jung. Die App-Adoption steigt, aber kritische Masse ist noch nicht erreicht. Händler, die heute Wero integrieren, sind früh dran — nicht zu früh, aber auch noch nicht im Mainstream.

Was für Händler jetzt konkret nutzbar ist

KanalLösungStatus
Online-ShopKlarna Sofort (A2A-basiert)Etabliert, hohe Händlerakzeptanz
Online-ShopWero Checkout-PluginVerfügbar, wachsende Adoption
Online-Shop (CH)TWINTEtabliert in der Schweiz
StationärWero QR-CodePilotphase
B2B / RechnungSEPA Instant direktMöglich, ohne Händler-UI
EntwicklerTink API (Visa-Tochter)Für individuelle Integrationen

Was noch fehlt — und was kommen wird

Das Terminal-Problem ist ungelöst. Es gibt kein NFC-analoges Protokoll für A2A am stationären Terminal. Kein Kontaktlos-Symbol für “hier kannst du mit Wero zahlen”. Das ist eine technische Lücke, aber vor allem eine Standardisierungslücke — und Standardisierung braucht Koordination vieler Akteure.

Was kommen wird: Die EU-Kommission diskutiert einen einheitlichen QR-Code-Standard im Rahmen der FIDA-Verordnung (Financial Data Access). Wenn der kommt, hätte Wero und A2A ein echtes Stationär-Protokoll.

Ob das 2026 oder 2029 passiert, ist offen.

Das eigentliche Problem ist Anreizstruktur, nicht Technologie

Banken haben kein Interesse, ihr Kartengeschäft zu kannibalisieren — auch wenn sie Wero tragen, behalten sie parallel ihre Visa/Mastercard-Partnerships. Händler warten auf Verbraucheradoption. Verbraucher warten auf Händlerakzeptanz.

Ohne staatlichen Push wie in Brasilien wird Europas A2A-Geschichte länger dauern als die Technologie verdient. Das ist keine pessimistische Prognose — es ist eine realistische Einschätzung der Anreizlage.

Wero ist trotzdem die beste Wette. Wer heute im Online-Shop Wero integriert, zahlt wenig Aufwand und ist positioniert, wenn die Adoption kippt. Wann das ist? Realistisch 2027 oder später. Aber Netzwerkeffekte kippen plötzlich, nicht graduell.


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Häufige Fragen

Was ist Open Banking?

Open Banking bezeichnet die regulierte Öffnung von Bankkonten für Drittanbieter — mit Zustimmung des Kontoinhabers. PSD2 (EU, 2018) verpflichtet Banken, APIs bereitzustellen, über die autorisierte Zahlungsdienstleister Kontoinformationen abrufen und Zahlungen auslösen können. Das ermöglicht Account-to-Account-Zahlungen ohne Kreditkartennetzwerk.

Ist Open Banking für Händler bereits nutzbar?

Ja, aber mit Einschränkungen. Im E-Commerce bieten Anbieter wie Klarna Sofort, Tink (Visa-Tochter), TWINT (CH) und zunehmend Wero Open-Banking-basierte Zahlungen an. Für stationäre Händler ist die Adoption sehr gering — kein etablierter QR-Code-Standard, keine verbreitete Verbraucher-UX.

Was kostet Open Banking für Händler?

A2A-Zahlungen haben keine Interchange, keine Scheme Fee — nur Bankgebühren (meist minimal) plus PSP-Marge für den Zahlungsauslöser. In der Theorie deutlich günstiger als Kartenzahlungen. In der Praxis verlangen Anbieter wie Klarna für 'Sofort'-Zahlungen trotzdem eine Händlergebühr (ca. 1,0–1,5 %) für die UX und das Ausfallrisiko.

Wann werden Open-Banking-Zahlungen für Händler wichtig?

Wenn Wero signifikante Verbraucheradoption erreicht (realistisch 2027+) oder wenn ein EU-weit einheitlicher QR-Code-Standard eingeführt wird. Bis dahin bleibt die Relevanz begrenzt — die Infrastruktur ist bereit, die Verbrauchergewohnheit noch nicht.